Haushaltsstreit um medizinische Hilfe
Düsseldorf kürzt Hilfe für papierlose Geflüchtete: STAY! Medinetz warnt vor Versorgungslücken
Wenn der Düsseldorfer Stadtrat am 19. März den Haushalt 2026 berät, geht es für eine besonders verletzliche Gruppe um eine Grundfrage: Bekommen Menschen ohne regulären Krankenversicherungsschutz weiterhin verlässlich Zugang zu medizinischer Behandlung – oder wird Hilfe zur Ausnahme?
Im Haushaltsentwurf ist vorgesehen, die Förderung für STAY! Medinetz deutlich zu reduzieren. Der Verein, der papierlose Geflüchtete und nicht krankenversicherte Menschen berät und Behandlungen organisiert, sieht dadurch akute Fälle und die Arbeitsfähigkeit der Clearingstelle gefährdet.
Von 215.000 auf 160.000 Euro: Einschnitt bei Fonds und Struktur
STAY! besteht in Düsseldorf seit 2009. In den ersten Jahren trugen Ehrenamtliche die Arbeit. Seit 2015 gibt es mit städtischer Unterstützung eine Clearingstelle und einen Notfallfonds. Genau diese beiden Bausteine sind nun von den Einsparungen betroffen.
Bisher standen nach Angaben aus dem bisherigen Förderrahmen insgesamt 215.000 Euro zur Verfügung – 120.000 Euro für den Notfallfonds sowie 95.000 Euro für Personal und Overhead der Clearingstelle. Im Entwurf für 2026 sind dafür noch 160.000 Euro vorgesehen. Das entspricht einer Kürzung um rund ein Drittel.
Warum die Clearingstelle für Betroffene entscheidend ist
Für Menschen ohne Krankenversicherung oder ohne gesicherten Aufenthaltsstatus ist der Weg in die Regelversorgung häufig von Hürden geprägt: Unklarheiten über Kosten, Angst vor Datenweitergabe und fehlende Ansprechstellen führen dazu, dass Krankheiten teils spät behandelt werden. Wichtig ist dabei eine Differenzierung, die in der öffentlichen Debatte häufig verloren geht: Ärztinnen und Ärzte unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht; eine generelle Meldepflicht gegenüber Ausländerbehörden besteht für die Behandlung nicht.
Gleichzeitig können im Umfeld von Kostenübernahmen, Abrechnung und Behördenkontakten Risiken und Unsicherheiten entstehen, die Betroffene real abschrecken. Genau an dieser Schnittstelle arbeitet die Clearingstelle: Sie soll medizinische Hilfe ermöglichen, ohne dass Menschen aus Sorge vor Konsequenzen oder finanzieller Überforderung auf Behandlung verzichten.
Für STAY! ist die Kürzung daher nicht nur ein finanzielles Problem, sondern eine Verschiebung im Schutznetz: Weniger Mittel bedeuten weniger Spielraum, akute Fälle zeitnah abzusichern, und weniger personelle Stabilität, um kontinuierlich zu beraten und zu vermitteln.
Konkrete Folgen: Abweisungen und verschobene Eingriffe befürchtet
STAY! rechnet damit, dass mit dem geringeren Budget mehr Menschen abgewiesen werden müssten und Operationen nicht mehr finanzierbar seien. Der Verein verweist auf einen aktuellen Fall, bei dem unklar sei, ob ein Patient mit Grünem Star operiert werden könne. Für den Eingriff verlangt das Krankenhaus nach Angaben des Vereins vorab eine unterschriebene Kostenübernahme. Solche Konstellationen sind typisch für die Versorgung außerhalb der Regelstrukturen: Medizinisch kann ein Eingriff dringend sein, organisatorisch scheitert er dann aber an der Frage, wer unterschreibt und wer bezahlt.
Gerade bei chronischen Erkrankungen, Schwangerschaften oder drohenden Folgeschäden kann das teuer werden – nicht nur menschlich, sondern auch für das Gesundheitssystem insgesamt. Wenn Behandlungen später stattfinden, steigen Risiken und Kosten. Der Notfallfonds wirkt hier wie eine pragmatische Brücke: Er verhindert, dass aus behandelbaren Befunden Notfälle werden, weil niemand rechtzeitig eine Kostenübernahme organisieren kann.
Auch die Zukunft der Mitarbeitenden in der Clearingstelle ist nach Darstellung von STAY! unsicher. Damit steht nicht allein die Finanzierung einzelner Fälle zur Debatte, sondern die Verlässlichkeit eines Angebots, das auf Kontinuität angewiesen ist: Vertrauensaufbau, schnelle Einschätzung, Netzwerke zu Praxen und Kliniken und die Fähigkeit, akute Fälle zügig zu steuern.
Politischer Konflikt: Sparzwang gegen Schutzauftrag
Das Team von STAY! kritisiert, die Kürzung sei überraschend und ohne Vorwarnung gekommen. Vertreter der Düsseldorfer Ratskoalition aus CDU und Grünen verweisen hingegen auf den Konsolidierungsdruck und darauf, dass Kürzungsdebatten im städtischen Haushalt wiederkehrend seien. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 11. März machte die Koalition ihre Haushaltslinie als Kostenbremse mit Prioritätensetzung deutlich und stellte zugleich in Aussicht, dass die Lage 2027 noch schwieriger werden könne und weitere Einsparungen geprüft würden.
Für STAY! und die Betroffenen bedeutet das eine doppelte Unsicherheit: Selbst wenn das Angebot 2026 eingeschränkt weiterläuft, ist unklar, ob die Struktur mittelfristig stabil bleibt. In einem Bereich, in dem Behandlungswege, Vertrauen und Vertraulichkeit zentral sind, wiegt diese Perspektive schwer.
Am Ende wird die Haushaltsberatung im Stadtrat darüber entscheiden, wie groß die Lücke tatsächlich wird. Für Menschen ohne regulären Zugang zur Gesundheitsversorgung ist es eine Entscheidung darüber, ob medizinische Hilfe ein abgesicherter Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge bleibt – oder ob sie künftig häufiger an einer Unterschrift und an fehlenden Mitteln scheitert.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.ddorf-aktuell.de/2026/03/11/duesseldorf-mittel-fuer-stay-medinetz-von-politik-um-ein-drittel-gekuerzt/, 11.03.2026
- https://www.ddorf-aktuell.de/2026/03/11/duesseldorf-mittel-fuer-stay-medinetz-von-politik-um-ein-drittel-gekuerzt/
- https://www.duesseldorf.de/fileadmin/Amt20/finanzen/haushaltsplaene/2026/haushaltsplan_2026_entwurf.pdf
- https://www.ddorf-aktuell.de/2015/06/17/recht-auf-medizinische-versorgung-fuer-papierlose-fluechtlinge-in-duesseldorf-45534/
- https://www.cdu-fraktion-duesseldorf.de/content/unsere-schwerpunkte-im-haushalt-2026

